40000419

20160914

All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter.
Try again. Fail again. Fail better.
Der Apoptosis viel begleitet mich, dem Fallen der Blätter im Herbste gleich, und jeglicher Hoffnung entbehre ich. Doch erbitte ich in arger Verzweiflung nun zum letzten Mal, daß Du, mein Seelchen, darfst nun sein, heiter und zwanglos und glücklich und frei, dem Kinde gleich, das ich einst war, lebend und lachend, der Sorgen bar.

20160311

morning without dawn 無明の朝 mumyō no asa

So hat nun unsere Nahrung, jenes kostbare Gespann aus Speys und Trank, eine schizophrene Persönlichkeit ausgebildet; und ich möchte hier nicht unnötig impulsiv sprechen zu jenen sogenannten Lebensmitteln unserer okzidentalen und von industrialisierten Mechanismen verzehrten Zivilisation, die unsere Sinne und Säfte, ja unseren gesamten Soma, programmatisch und profitorientiert besudeln und verderben. Bereitet uns die Nahrung also noch akute und genußvolle Kräftigung, zur Aufrechterhaltung unseres lebenden Körpers, so beschädigt sie uns nun gleichsam auf langfristige Sicht, nicht aus Böswilligkeit, sondern als Ergebnis jenes glockenlauten Zusammenklangs zweier unpäßlicher Umstände, die am 11. März 2011 in Fukushima einer bedeutungsschweren Begegnung anheim fielen, jene von einem natürlichen Seebeben aufgewühlten und aufgetürmten Meereswogen und jene vom menschlichen Geiste erdachten und daher fehleranfälligen Energiegewinnungsmethoden, ein bis in weite zeitliche Ferne hörbarer Glockenschlag[1], der nicht nur das Meer, sondern auch den einst ersprießlichen und fruchtbaren Mutterboden, aus dem wir einen Großteil unserer eßbaren und nährenden Güter beziehen, nachhaltig vergiftet hat.
1 Alexander Kluge, Das fünfte Buch: Neue Lebensläufe. 402 Geschichten, Kosmische Musik.
Das Beben, das Japans Nordinsel um vier Meter nach Osten versetzte, war mit seinem Glockenschlag noch in den Schweizer Bergen zu messen. Der ganze Erdball empfing diesen Puls, dies sind, nach Johannes Kepler, die Akkorde des Planeten Erde. Einige der Töne haben eine Folge von tausend Jahren.

20151031

[layer 14: reformation] ein bewußtseinsstrøm

Nota bene: Ich bitte um Entschuldigung, daß die folgende Wortaufschüttung jeglicher Rationalität entbehrt. Sie ist lediglich Ausdruck der nervlichen Instabilität und hyperaktiven Unrast, die mein armes, krankendes Hirn umnachtet und die einst wirtliche Mansarde in meinem Schädelsgewölbe in erhebliche Unordnung gebracht hat.
Reformation, lateinisch reformatio "Umgestaltung, Wiederherstellung, Erneuerung".
ἀκέφαλος ‎(aképhalos, "kopflos"), altgriechisch ἀ- ‎(a-, "ohne") und κεφαλή ‎(kephalḗ, "Kopf").
Ein Mann begegnete Diogenes: "Diogenes, was suchst du?"
"Ruhe."
"Und, hast du sie gefunden?"
"Ich habe herausgefunden, daß ich sie auf der Welt nicht finden werde."
Oliver Overwien: Die Sprüche des Kynikers Diogenes in der griechischen und arabischen Überlieferung, 126.
Friederike Mayröcker: Vom Schreiben und vom Schweigen
(Sternstunde Kunst, 00h41m00s)
Jøta, à la recherche du temps perdu gaspillé
"Hey, with some madeleines. Definitely, they're great."
(Serial Experiments: Lain, Layer 13: EGO)
Powaqqatsi (POH-wahk-KAH-tsee), Hopi (eine uto-aztekische Sprache) für "ein Wesen, eine Lebensart, die die Lebenskräfte anderer Wesen aufbraucht, um sein eigenes Leben zu fördern/unterstützen"
Lain regrets how she always hurts Alice and gives reality a reset.
(Serial Experiments: Lain, Layer 13: EGO)
Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!
Mein böser, zwangsbehafteter Geist, der du mir innewohnest, weiche!
Isis (von ägypt. Aset), die "Zauberreiche".
Im ägyptischen Pantheon die Göttin der Geburt, der Wiedergeburt und der Magie, aber auch Totengöttin.
Papyri Magicæ Graecæ, Kapitel IV 1227-1264:
Ein Blitz. Dionysos wird in smaragdener Schönheit sichtbar.
Dionysos: Sei klug, Ariadne! ...
Du hast kleine Ohren, du hast meine Ohren: steck ein kluges Wort hinein! -
Muß man sich nicht erst hassen, wenn man sich lieben soll?...
Ich bin dein Labyrinth ...
Friedrich Nietzsche: Klage der Ariadne.
Dies Viridium, wörtlich "Tag der Grünen" – gemeint sind die durch Absolution von den Sünden und Kirchenstrafen Befreiten, im Sinne von "Erneuerten, Frischen" nach Lukas-Evangelium 23,31), weil nun die losgesprochenen Sünder ein neues Leben anfangen und gleichsam wieder jung und grün werden, so nannte man sie die Grünen, lateinisch virides, [jene] Büßer, die "dürres Holz" gewesen waren und jetzt am antlastag, dem Tag des Kirchenbußerlasses, wieder lebendiges, "grünes Holz" der Kirche wurden
Είμαι λέφτερος. Íme léfteros. Ich bin frei.
In Sure 89:27 wird die Seele direkt angesprochen. Als nafs muṭmaʾinna ("zuversichtliche Seele") soll sie zu ihrem Herrn zurückkehren, zufrieden und erfüllt:
Nafs al-Mutma’inna.
يَا أَيَّتُهَا النَّفْسُ الْمُطْمَئِنَّةُ.
Ya ayyatuha alnnafsu almutma-innatu.
Oh Du Seele, die Du Ruhe gefunden hast!

Jack Kornfield: Frag den Buddha - und geh den Weg des Herzens, 115/116.
Zur Begrifflichkeit der Nafs siehe Kapitel 7: Die "Dämonen" benennen:
Jeder spirituelle Weg hat seine Bezeichnungen für jene Schwierigkeiten, denen wir begegnen. Die Sufis nennen sie Nafs. Die christlichen Wüstenväter, die vor nahezu zweitausend Jahren in der ägyptischen und in der syrischen Wüste lebten und praktizierten, nannten sie Dämonen. Einer ihrer Meister, Evagrius, hinterließ einen lateinischen Text, in dem er diejenigen unterwies, die in der Wüste meditierten: "Seid wachsam gegenüber Schlemmerei und Begierde", warnte er, "und ebenso gegen die Dämonen der Angst und Unsicherheit. Der Mittags-Dämon der Trägheit und des Schlafs kommt jeden Tag nach dem Mittagessen, und der Dämon des Stolzes erhebt sein Haupt gerade dann, wenn ihr die anderen Dämonen bezwungen habt."
Friede, Freude, Eierkuchen

[mnemosyne] effy and her mother

20151004

Ich sah gerade Barbara.
Ich hoffe, es geht Dir gut.
Heut' ist Erntedank. Ich danke Dir, die kostbare Bekanntschaft Deiner edlen Person gemacht haben zu dürfen.
Die Lethe tritt über die Ufer und zerrt mich nun in ihre bodenlosen, tiefschwarzen Wasser zurück.
jøta

20150914

[loslœsung] zwey seelen wohnen, ach! in meiner brust!

weil nun die losgesprochenen Sünder ein neues Leben anfangen und gleichsam wieder jung und grün werden, so nannte man sie die Grünen, lateinisch Virides (in: Kleinpaul, Die Rætsel der Sprache, p. 388)

20150629

Von hinterm Mond da komm' ich her, ich bring' euch gute neue Mær: LateMoonGrass is late. Old news is old.

20150614

[mnemosyne] last night again you were in my dreams[1]


πάντα ῥεῖ ~~~~ λήθη ῥεῖ ~~~~ για αλεξάντερ

Das Buch. Ich nahm es zu mir. Es wirkte magisch. Schriften aus vergangener Zeit. Ich las sehr lange, bis spät in die Nacht. Wandlung. Und mußte immer wieder an sie denken. War es dasselbe Interesse von ihr an dem Buch wie das meine? Immer und immer wieder mußte ich an sie denken.

Momentum: Alles Leben ist Wandel
Gezeigt im Rahmen der MDR Kurzfilmnacht am 25/04/2015
Regie: Alexander Bergmann
Kamera: Nicolai Rissmann
Ton: Phil Nylund
Darsteller: Sophia Weiß, Dimitri Roggen
Gezeigt wird, wie sich zwei junge Menschen in einer für sie unerwarteten Lebenssituation zusammenfinden. Die beiden sehen sich das erste Mal in einer Bibliothek. Bald darauf, bei einem zweiten Treffen, bemerken sie, dass sie offenbar dieselben Interessen und Bedürfnisse haben und so entwickelt sich aus ihrem anfänglichen Gespräch eine Diskussion. Alles dreht sich um ein mysteriöses Buch und dessen Thematik aus weit vergangener Zeit. Es stellt sich heraus, dass sie sehr unterschiedliche Auffassungen hierzu haben. So unterschiedlich, dass es zu einem Streit kommt und ihre Wege sich vorerst trennen. Nach ihrer Begegnung beginnen beide den Sinn ihrer Gegensätzlichkeit zu verstehen und sich von vergangenen Problemen zu lösen, um in der Zukunft glücklich zu sein.

[1] By any other name, a jay is still blue.

20150419

「残花有情」sentiments for the remaining flower

It's unfortunate that my favourite flower, Freesia, usually does not last until May; as a result, my meagre heart was filled with nigh-unbearable bliss at the sight of this precious bouquet that I was unexpectedly awarded with by two dear ones.

20150311

[quoth] ursula græfe: die trauer der teeschalen

Das nachstehende [quoth] stellt mein jährliches Memento an die folgenreichen Ereignisse in der Tōhoku-Region am 11/03/2011 dar.
Es handelt sich dieses Mal um einen Auszug aus Die Trauer der Teeschalen - Vom Leben und Sterben der Dinge in der japanischen Literatur, einem Essay von Ursula Græfe (dem derart geneigten Leser sicher in erster Linie als Übersetzerin der Werke von Haruki Murakami geläufig), in dem sie ihre in Zusammenarbeit mit ihrer Frankfurter Kollegin Kimiko Nakayama-Ziegler entwickelten Gedanken zum japanischen Konzept des 物の哀れ (mono no aware) in ausladender Weise äußert. Dieser von Motoori Norinaga im 18. Jahrhundert geprägte Begriff bezeichnet ein ästhetisches Prinzip, "demzufolge die anrührende, schlichte, ja beschädigte Schönheit einer Sache gerade durch ihre Unvollkommenheit starke Empathie bei ihrem Betrachter hervorruft. Durch sie empfinde er die Vergänglichkeit allen Seins umso stärker."[1]
Eine unserer belangreicheren Entdeckungen, oder besser gesagt Hypothesen, ist jedoch etwas, das wir als die "atmosphärisch andere" Darstellung von Materie bezeichnen, ein Phänomen, das bei der Übertragung ins Deutsche mitunter gewisse Schwierigkeiten aufwirft. [....] Unsere Überlegungen stützen sich nicht allein auf die Beobachtung, daß Alltagsgegenstände in der japanischen Literatur über ein stärkeres Eigenleben oder vielleicht sogar mehr Individualität verfügen, als sie literarischen Requisiten, Motiven, Symbolen oder Metaphern in der "westlichen" Erzählliteratur zu eigen sind. Am deutlichsten wird der Unterschied wahrscheinlich an der Beziehung der Charaktere zu den Gegenständen, die zwar stets funktional und selten oder nie ideell ist, aber dennoch persönlicher, gleichberechtigter, ja, man möchte sagen, intimer erscheint. Sie ist von einer besonderen Wertschätzung geprägt, in der sich jedoch weniger eine spirituelle als eine emotionale Qualität offenbart. [....]

BATTERIEN IM MONDSCHEIN

Zu guter Letzt wollen wir noch eine etwas humorvollere Schilderung der von ihrer Arbeit erschöpften Materie präsentieren. Auch die bereits erwähnte Autorin Hiromi Kawakami (geb. 1958) beschwört in ihrem Roman Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß die japanische Achtung vor dem Eigenleben der Gegenstände. Im Kapitel "Batterien im Mondschein" besucht die Heldin Tsukiko, die sich mit beinahe vierzig Jahren in ihren dreißig Jahre älteren ehemaligen Japanischlehrer verliebt hat, diesen alten Herrn, ihren Sensei, zum ersten Mal in seinem Haus. Und er zeigt ihr, statt ihrer Briefmarkensammlung, eine ganz andere Sammlung:

"Ich kann eben nichts wegwerfen" [, sagte er]. Wieder ging er ins Nebenzimmer. Diesmal kehrte er mit mehreren kleinen Plastiktüten zurück. Er knotete eine davon auf, und eine Menge mit schwarzem Filzstift beschrifteter Batterien kam zum Vorschein: "Rasierer", "Wanduhr", "Radio", "Taschenlampe". Er griff eine A2-Batterie heraus. [....] "Diese gehörte zu meinem ersten Kassettenrekorder." [....] Schließlich könne man Batterien, die einem so brav gedient hätten, nicht einfach wegwerfen. Das wäre herzlos. Es sei nicht anständig, sie, die bis dahin Licht und Töne erzeugt hätten, in den Müll zu schmeißen, nur weil sie leer seien. "Sind Sie nicht auch dieser Meinung, Tsukiko?" Der Sensei sah mir ins Gesicht. Eigentlich hatte ich dazu keine Meinung, rang mir aber zum fünfzehnten oder sechzehnten Mal an diesem Abend ein Ja ab. Ich strich über eine der vielen unterschiedlichen Batterien. Sie war rostig und fühlte sich feucht an. An der Seite stand "Casiorechner". [....] Später am Abend kramt der alte Lehrer einen Batterieprüfer hervor. Nun überprüfte er jede einzelne seiner zahllosen Batterien. Bei den meisten rührte sich die Nadel nicht, wenn er die Klemme ansetzte. Sooft die Nadel ausnahmsweise doch einmal zuckte, stieß er ein leises "Ah" hervor. "Es ist noch Leben drin", sagte ich dann, und er nickte kurz. [....] Eine Weile betrachteten wir schweigend den Mond."[3]

Der humoristische Ton, den Kawakami in dieser Szene anschlägt, täuscht nicht darüber hinweg, daß der Respekt, den der alte Lehrer den Dingen entgegenbringt, die viel jüngere Frau trotz ihrer äußerlichen Genervtheit berührt. Die Autorin läßt in diesem Anfangskapitel, in dem der alte traditionell denkende Mann und die junge Frau, die ein modernes Single-Leben führt, einander näher kommen, bewußt Bilder des Tradtionellen und Modernen (Mond und Batterien) aufeinandertreffen.[4] Die Gewohnheit des Lehrers, unbrauchbar gewordene Dinge wie dienstbare Gefährten zu behandeln und ihnen über ihre Funktionsfähigkeit hinaus einen Platz in seinem Haus einzuräumen, versinnbildlicht hier offenbar einen Gemütszustand, der der jüngeren Tsukiko nicht sofort einsichtig ist.


1 Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler: Die Trauer der Teeschalen - Vom Leben und Sterben in der japanischen Literatur. Veröffentlicht am 06/09/2009 (sowie in Ausgabe 9.1 Ethik und Ästhetik des Online-Magazins Schau ins Blau).
2 Bei der für dieses [quoth] gewählten Abbildung handelt es sich um eine Szene aus Shaking Tokyo des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho.
3 Hiromi Kawakami: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß, München 2008, S. 11.
4 In diesem Zusammenhang sei mir die kurze Randnotiz gestattet, daß ich mir beim Abschreiben des oben stehenden [quoth] bewußt [sic] das Recht herausgenommen und in entsprechenden Worten den Einsatz des altehrwürdigen ß gewählt habe.

20150309

Following the eventful tête-à-double-tête with the Duke's dear Freja in Brightstone Cove Tseldora, Mila entered what would later become known to her as the Lord's Private Chamber, and overcome by the sentiment of familiarity at the sight of an armillary sphere and shelves stocked to the brim with antiquated tomes, she happened upon the olden writings of a certain Jøta. A surge of melancholy befell her, as her fingers pensively inched across the words DISJECTA MEMBRA embossed on the folder's front cover, apparently a collection of Wortaufschüttungen committed to paper a long time ago, judging by the faded ink and yellowed parchment.

20140311

[quoth] byung-chul han: abwesen

Mit dem Abwesen habe ich gemeint, etwas, was sich zurücknimmt. Zurückweicht. Abtritt. Und nach dem Abtreten und nach dem Zurückweichen entsteht nicht ein Vakuum, sondern mehr Raum, mehr Zeit, mehr Welt. Weil diese Präsenz des Ich den Raum verdrängt hat und mit sich besetzt hat. Und wenn dieses Ich, diese Substanz, zurückweicht in eine Abwesenheit, dann entsteht eine Weite, eine Weite der Welt, eine Weite des Raumes. Ich wollte diese Weite aufzeichnen. Wo das Ich nicht atmet, beginnt die Welt aufzuatmen. Und wo das Ich sich vordrängt, verschwinden diese Atemräume des Seins.[1]
Die fernöstliche Kultur ist, ein wenig überspitzt formuliert, eine Kultur ohne Blick. Der Blick ist der Andere. In Japan gilt es als unhöflich, dem Anderen direkt ins Auge zu schauen. Auf die Blicklosigkeit geht es zurück, daß das Gedränge von Menschen, das charakteristisch wäre für fernöstliche Großstädte, nicht bedrängend ist. Der fehlende Blick überzieht die ganz überfüllten Großstädte mit einer besonderen Leere und Abwesenheit.
Der Gruß ist aufrichtend. Seine Haltung ist das Gegenüber-Stehen. Das Stehen, die Ständigkeit oder die Selbst-Ständigkeit, in der ich dem Anderen begegne, ihm widerstehe oder auch ihn anerkenne, sind alle Grundzüge des Wesens. Die japanische Verbeugung stellt eine Gegenbewegung dar. Sie beugt die Person in eine Abwesenheit. Sie ist kein dialogisches Geschehen, was sich schon darin zeigt, daß die Grüßenden einander nicht ins Auge schauen. Die Verbeugung bringt vor allem den Blick zum Verschwinden. Erst der gegenseitige Blick eröffnet den dialogischen Raum. Für den Moment der Verbeugung schaut man nirgendwo hin. Dieses Nirgendwo markiert das Nichts, die Leere, die In-Differenz, in die der Blick versenkt wird.[2]

Wer grüßt wen? Niemand grüßt. Niemand grüßt niemanden. Die tiefe Verbeugung ebnet die Person zu einem Niemand ein. [...] Die japanische Verbeugung hat keine Person zum Gegenüber. Aufgrund des fehlenden Gegenübers findet auch keine Unterwerfung statt. Es ist die westliche Mythologie der 'Person', die die tiefe Verbeugung als unterwürfig erscheinen lässt. [...]
Die Sich-Verbeugenden entfernen sich nicht, wie beim dialogischen Gruß, in die "Ferne ihres eigenen Wesens und seiner Bewahrung". Vielmehr entfernen sie sich in die Abwesenheit. Indem man sich tief verbeugt oder verneigt, verneint man sich. Sich verbeugend tritt man zurück in die Abwesenheit. Statt füreinander anzuwesen, statt einander zum Wesen zu verhelfen, gilt es, abzuwesen. Die Räumlichkeit der tiefen Verbeugung ist ebenso wenig die Nähe. Sie hält die Beteiligten gerade auf Distanz. Sie nähern sich nicht. Die Aufhebung des Selbst führt auch nicht zur Verschmelzung mit dem Anderen. Die tiefe Verbeugung wahrt ein Zwischen. Dieses Zwischen ist aber weder Inter noch Dia. Es ist weder interpersonal noch dialogisch besetzt. Dieses Zwischen ist vielmehr leer. Schon der abwesende Blick entdialogisiert, entleert den Raum der tiefen Verbeugung zu einem leeren Zwischen.[3]

Der tiefen Verbeugung liegt die Entscheidung zugrunde, das heikle Gegenüber der Person, statt es dialogisch zu entschärfen, in eine In-Differenz einzuebnen. Sie vermittelt nicht zwischen Personen, versöhnt niemanden mit niemandem. Sie entleert und entinnerlicht die Beteiligten vielmehr zu Abwesenden.[4]


1 Auszug aus einem Gespräch mit Byung-Chul Han im Rahmen der SWR2 Buchkritik, Sendung vom 04/02/08. Transkript.
2 Byung-Chul Han, Abwesen: Zur Kultur und Philosophie des Fernen Osten, Merve, 2007, S. 148.
3 Ebd., S. 149f.
4 Ebd., S. 153.
Erwähnenswert sei an dieser Stelle noch die Etymologie des Wortes "grüßen", dem sich Han zu Beginn des Kapitels "Gruß und Verbeugung — Freundlichkeit", aus dem die oben stehenden Paragraphen zitiert wurden, in größerem Umfang widmet. Demnach hat die althochdeutsche Vorstufe "gruozen" ursprünglich eher unfreundliche Bedeutungen wie "zum Reden bringen", "herausfordern", "beunruhigen" oder "angreifen". Ferner enthält es eine lautmalerische Komponente: "Es klingt sehr rau und kehlig. [...] Der Grüßende muss ursprünglich einen dunklen, kehligen Laut, der einem Drohlaut ähnelte, ausgestoßen haben. [...] Gruozen ist der Urlaut der Angst, des Schreckens und der Abwehr. Hegels Dialektik von Herr und Knecht führt am Ende zu einer gegenseitigen Anerkennung. Sie beschreibt jenes zwischenmenschliche Drama, das vom Kampf über die Unterwerfung des Anderen zu einer gegenseitigen Anerkennung führt, ja sich entspannt zum freundlichen Gruß. Erst eine gegenseitige Anerkennung macht aus dem kehligen gruozen einen Gruß, der zwar noch kein Wohllaut ist, der aber den Anderen zumindest wissen lässt, daß er mich nicht beunruhigt, daß ich sein Gegenüber anerkenne, ihn in seinem Gegenüber gelten lassen werde."

[mnemosyne] die pranke der natur (und wir menschen)

Das Beben, das Japans Nordinsel um vier Meter nach Osten versetzte, war mit seinem Glockenschlag noch in den Schweizer Bergen zu messen. Der ganze Erdball empfing diesen Puls, dies sind, nach Johannes Kepler, die Akkorde des Planeten Erde. Einige der Töne haben eine Folge von tausend Jahren.
Ohne, daß wir uns gegenseitig Geschichten erzählen, haben wir keine Wirklichkeit. Das heißt, wir kriegen eine gewisse Wärme, eine Temperatur in die Ereignisse hinein, die wir brauchen, sozusagen die 37 Grad Celsius der wirklichen Verhältnisse. Und diese Geselligkeit bedeutet, daß zwischen uns Menschen eine Erzählung entsteht, etwas Wirkliches entsteht. Also der Sitz der Seele ist zwischen zwei Menschen und nicht in einem Menschen. Und dieses ist auch jetzt das Verhältnis zur Natur, man muß nach der Katastrophe erzählen. Als der Bombenangriff auf Halberstadt vorüber war, hab' ich noch 'ne Stunde später gedacht, "Und morgen ist Montag und ich kann's in der Klasse erzähl'n." Und ich war sehr enttäuscht, daß die Schule ausfiel. Das heißt, dieses Erzählen, daß man die Wirklichkeit, die Haut, in der wir leben, wiederherstellt, die ist sozusagen ein Bedürfnis, das stärker sein kann als alles objektive Geschehen. Ich glaube, daß alle Erlebnisse, die Menschen haben, untereinander ein Netz bilden, ein stärker vernetztes als das Online-Netz.[1] Und daß man gewissermaßen, wenn man falsch erinnert, also was verdrängt, oder übertrieben erinnert, oder etwas nicht erzählt, sondern immer nur bezeichnet, "Das war der achte April 1945.", und annimmt, es weiß jeder, was das ist. Wenn man das macht, dann kommt dieses ganze Netz, dieses Kleid, in dem wir leben, durcheinander. Wir zerstören dann ein Haus, in dem wir leben: das Haus der Erinnerung.[2]


1 The thought he utters triggered a memory, concerning what Lain says at the end of Layer 02, how "no matter where you go, everyone's connected," epitomizing the hypothesis that humans are subconsciously linked by the Earth's magnetic field, which resonates on a Theta frequency of 7,83 Hz, as measured by Winfried Otto Schumann. The initial discovery of what would later be referred to as Schumann resonance can actually be attributed to Nikola Tesla, who theorized on its potential usage for wireless telegraphy, that is power transmission and transmission of intelligible messages to any point on the globe (see: The Transmission of Electrical Energy Without Wires As A Means of Furthering Peace).
2 Der oben stehende Paragraph stellt einen transkribierten Auszug aus einem Gespräch mit Alexander Kluge dar, zu finden auf Die Pranke der Natur [und wir Menschen] (CD 1, Track 17), einem primär Fukushima-bezogenen Füllhorn an Tondokumenten (eingesprochen von Alexandra Kluge, Edgar Reitz, Hannelore Hoger, Helge Schneider, Helmut Stange, Jochen Striebeck, et al.) und experimentellen Klangpassagen von Alva Noto, Gustav und Ikue Mori. Bei dem Epigraph am Anfang des Posts handelt es sich um die einleitenden Worte aus Kluges Text "Kosmische Musik" (CD 1, Track 4).

20131229

[τόπος] duke's archives (library of seath the scaleless)

Ψυχῆς ἰατρεῖον (Psychēs iatreion) "Soul's hospital"

After whispers about the disappearance from its secret stash in the National Library of Argentina had reached her ears, an odd afflatus has drawn my long-term Dark Souls character Mila (potentially named after that Ayuhara chick that could fly like swallows over Mount Fuji, if you must know) back to the Duke's Archives, to inquire about the infamous Book of Sand. Numerous are the wondrous tomes she's happened upon while scanning the building's imposing shelves, some of which shall be presented in the form of the following, irritatingly convoluted list:
Niels Klims unterirdische Reise[1] and the Vigiliae Mortuorum secundum Chorum Ecclesiae Maguntinae[2] (both referenced in Poe's The Fall of the House of Usher as part of the protagonist's library), further on Johannes Kepler's scientific reverie Somnium Astronomicum (whose existence was brought to her knowledge while meandering through Borges' Persœnliche Bibliothek, a collection of commentaries on various literary works, specifically his introduction to Ray Bradbury's Martian Chronicles[3]), Alexander Wolkow's Smaragdenstadt books, quite astonishingly a copy of both Abdul Alhazred's Al Azif (more widely known under the title Necronomicon, as popularized by Lovecraft) and Aristide Torchia's The Nine Gates to the Kingdom of Shadows, Johann Agricola's Chymische Medicin, not least a copy of Tycho Brahe's Astronomiæ Instauratæ Mechanica (speaking of astronomical apparatuses, there are a lot of armillary spheres to be spotted inside the Archives and while she's taken some fancy to inspecting these marvellous devices, they've also proven to be irksome obstacles when inferiority forced her to retreat from combat with the Duke's subordinates).
To her considerable delightment, she was able to obtain a copy of Comenius' curious Labyrinth der Welt und Paradies des Herzens, succeeding a tumultous encounter with one of Seath's satellites, the vigilant six-eyed Channelers, who, heedlessly demolishing the furniture in their vicinity, threatened to bury the book under the remains of a wrecked table. Of particular interest so far has been the tenth chapter on scholars, in which Comenius likens the library to an apothecary, inspiring research on the word's etymological roots (apparently, the Ancient Greeks not seldomly used the terms βιβλιοθήκη and ἀποθήκη interchangeably, the latter simply meaning "repository, storehouse"[4]).
Es war da ein großer Saal, dessen Ausmaße ich nicht erfassen konnte. Auf allen Seiten waren so viele Regale, Fächer, Schatullen und Schachteln angebracht, daß man dies alles nicht mit hunderttausend Wagen abtransportieren könnte. Jedes Fach hatte eine Aufschrift und einen Titel. "In was für eine Apotheke sind wir da geraten?" fragte ich. Blendwerk entgegnete: "In eine Apotheke, in der man Medikamente gegen Gebrechen des Gemütes aufbewahrt. Sie heißt Bibliothek. Schau, was für eine unendliche Ablage der Weisheit!" Ich sah die Rückgrate der Gelehrten sich rings um diese krümmen und strecken. Einige wählten die schönsten und subtilsten aus, nahmen Stück für Stück heraus und nahmen es ein, es langsam kauend und verdauend. Ich trat zu einem und fragte ihn, was er da mache. Er antwortete mir: "Ich entfalte mich."—"Und wie schmeckt es?"—"Solange man es im Mund kaut, schmeckt es bitter oder säuerlich, aber dann wird es süßlich."—"Und für was ist es gut?"—"Es fällt mir leichter, es innerlich zu tragen und ich bin mir dessen sicherer. Und siehst du den Gewinn nicht?" Ich schaute ihn genauer an und sah ihn dick und fett, von rosiger Farbe; die Augen leuchteten wie Kerzen, seine Rede war bemerkenswert und alles an ihm war rege. Da meinte Blendwerk: "Und wie sind erst diese hier."
Diese stopften alles, was ihnen in die Hände kam, in sich hinein. An ihnen sah ich weder eine schöne Gesichtsfarbe noch einen schönen Körper, noch ein Zuviel an Fett, dafür aber einen aufgeblähten Bauch. Und alles, was sie in sich hineingestopft hatten, kam unverdaut aus ihnen wieder heraus—von vorne und von hinten. Einige von ihnen taumelten und verloren den Verstand; einige wurden ganz blaß, magerten ab und starben. Und wenn das die anderen sahen, wiesen sie einander darauf hin und erzählten, wie gefährlich es sei, mit Büchern, so nannten sie die Schachteln, umzugehen.[5]
However awe-inspiring the architecture and however invaluable the manifold books may appear to those ever searching for knowledge, the Archives show certain unsettling qualities and unmissable signs of corruption, blemishing the glory this place must have epitomized at some point, and one would be tempted to think the building's focus has shifted from that of a wealthy library to that of an asylum. Now's a good time to confide that perhaps, there's a bit of sarcasm or even bitterness hidden in the epigraph to this post or in the notion to conceive of the Archives as an apothecary for the soul or the mind. No more. Those sentiments were triggered by Mila's first encounter with Seath which ended in being obliterated in a deluge of crystals and imprisoned in a large tower where the cells are juxtaposed with exceptionally high, yet battered bookshelves in a most sickly manner. An unhealthy silence, which she's infrequently found to be broken by a hardly comprehensible, unnerving whispering. Further on, there's those most oddest of creatures roaming along the corridors, abominations that resulted from the experiments Seath conducted in his magical research on immortality, a quality which he was eager to get a grasp on because contrary to the Everlasting Dragons, who he abandoned by assisting Lord Gwyn in their defeat[6], Seath has no stone scales to grant him the perpetuity of his ancient conspecifics. (Apparently, there's neither νέκταρ nor ἀμβροσία in the world of Dark Souls.) But by pillaging the Primordial Crystal from them, he succeeded in reaching a form of immortality, fragile as it may be, and henceforth, set out to replicate that most sacred of treasures by obsessively experimenting with crystals, an unsound fixation that eventually saw him losing his eyesight and sanity.
Most of these details, which are presumably not devoid of speculation, she's learned by listening to the glowing monologues of Logan, a gifted sorcerer drunken with reverence for Seath, whose freeing from a prison cell Mila has developed some sort of habit for by now. Apart from disclosing the Primordial Crystal as the secret to Seath's invulnerability, Logan has also made her aware of the fact that the Channelers' helms, characterized by six eyes being arranged in two vertical columns, compensate for Seath's own lack of sight. It would be adequate to think of them as his spies, seeing as Mila's encountered them in many dispersed places throughout her wanderings in Lordran, initially inside the Undead Parish during her mission to ring the first Bell of Awakening, secondly in those foul sewers, and most prominently inside the Archives. Apparently their primary function was to snatch away innocent inhabitants of Lordran to serve as test subjects for Seath to experiment on, partially resulting in unexpected mistakes like the Pisaca, their human origin being solidified by the fact that they drop humanity when being killed; two specific Pisaca (weeping gently and remaining non-hostile even upon being attacked) yield the two miracles Soothing Sunlight and Bountiful Sunlight, leading to the conclusion that they once were maidens (WHO GOVERN DEATH--oh apologies, Mila's amanuensis was momentarily seized by Mnemosyne in a fit of NOIRstalgia), potentially serving the same covenant as Rhea of Thorolund.
The channelers' helmet is really one of the more interesting pieces of headgear she's come across, and its relation to the ocular made her recall another artifact she's read about in a mythological compendium commonly referred to as Apollodorus' Library or Bibliotheca: the Helmet of Hades or Cap of Invisibility (Ἄϊδος κυνέην (H)aidos kuneēn in Greek, "dog-skin of Hades"), which is said to render its wearer invisible. Among the characters associated with its possession are Athene and Hermes, as well as Perseus, who, after having severed Medusa's head, was able to escape her two immortal Gorgon sisters Stheno and Euryale because of the helmet[7].
When approached on the subject of the Book of Sand's whereabouts though, Logan but cryptically spoke the words "Infinity is not as fast as me". It's with some concern that, in other ways as well, she's noticed subtle changes in his behaviour towards her, mumbling incoherently, gruff at times, as if the tomes have begun to take possession of, nay engulf him in a violent maelstrom, defeating his sense of time, his studies and meditations making him aloof from the world around him, threatening himself to a fate not unlike that which befell Seath.

APPENDIX

Further expanding on the theme of sight, traversing the delusory Crystal Cave (which leads to Seath and his abditory for the Primordial Crystal) is, in some way, an exercise in blindness or impaired vision, not unlike fumbling about in the dark or "walk[ing] across that invisible thread that you do not see there,"[8] while being threatened to fall into a river of savage and voracious crocodiles, a sacred present given to Caesar by Cleopatra (feel free to click on the image for a lengthier sequence):
A note attached to one of the books says: "The Moonlight Greatsword can be obtained by severing Seath's tail, tee-hee! Don't ask me how I would know or how that would even be possible. Moon Prism Power, Make Up!" All jesting aside, I want to conclude by apologizing for this post's incoherence and general dearth of substance, alleging as a pretext that I wrote it mainly for myself, with the purpose of becoming a bit more acquainted with the lore aspects of this particular level and boss in the game.



1 Ludvig Holberg, Niels Klims unterjordiske Rejse (1741), considered the first novel to explore the "hollow Earth" concept, in which the protagonist, during a cave exploration, ends up on a subterranean planet inhabited by sentient trees.
A .pdf of the German translation is available over here, while Project Gutenberg offers an English ebook version as translated by John Gierlow. When I bought my antiquarian copy a while ago, I was delighted to find that the cover artwork on some editions of Arno Schmidt's Zettel's Traum actually originates from Niels Klims, it's one of Johan Clemens' etchings depicting a tree citizen from the kingdom of Potu.

2 Vigiliae Mortuorum secundum Chorum Ecclesiae Maguntinae (Vigils For the Dead according to the Use of the Church of Mainz), a Roman Catholic book referred to by Roderick Usher's friend as "the manual of a forgotten church," a scanned copy of which can be found over here.

3 Jorge Luis Borges: Persönliche Bibliothek, S. 34. Fischer, 1995.

4 Karl Dziatzkos Artikel Bibliotheken, in: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Neue Bearbeitung / Unter Mitwirkung zahlreicher Fachgenossen hrsg. von Georg Wissowa, Bd. III,1, Metzler, Stuttgart 1897.
Via: Dirk Werle, Copia librorum: Problemgeschichte imaginierter Bibliotheken 1580-1630, S. 271.

5 Jan Amos Komenský, Labyrint světa a ráj srdce, 1631. In deutscher Übersetzung unter dem Titel Labyrinth der Welt und Paradies des Herzens im A+O Verlag erschienen, S. 50f.

6 "With the Strength of Lords, they challenged the dragons. Gwyn's mighty bolts peeled apart their stone scales. The witches weaved great firestorms. Nito unleashed a miasma of death and disease. And Seath the Scaleless betrayed his own, and the dragons were no more. Thus began the Age of Fire..." (Dark Souls prologue/opening cinematic)

7 Apollodorus, Library, Book 2, Chapter 4,2-3

8 René Goscinny and Albert Uderzo, Les Douze Travaux d'Astérix (dt. Asterix erobert Rom, en. The Twelve Tasks of Asterix), 1976. Spoken by Caius Tiddlus as he's explaining to Asterix and Obelix the particulars of their next task.

[quoth] edgar allan poe: siope—a fable (1838)

SIOPE[1][2], WHAT A MESMERIZING[3] WORD.


Ours is a world of words: Quiet we call
Silence — which is the merest word of all[4]

 “Listen to me,” said the Demon, as he placed his hand upon my head. “There is a spot upon this accursed earth which thou hast never yet beheld And if by any chance thou hast beheld it, it must have been in one of those vigorous dreams which come like the Simoon[5] upon the brain of the sleeper who hath lain down to sleep among the forbidden sunbeams — among the sunbeams, I say, which slide from off the solemn columns of the melancholy temples in the wilderness. The region of which I speak is a dreary region in Libya, by the borders of the river Zaire. And there is no quiet there, nor silence. [...]

“And, all at once, the moon arose through the thin ghastly mist, and was crimson in color. And mine eyes fell upon a huge grey rock which stood by the shore of the river, and was litten by the light of the moon. And the rock was grey, and ghastly, and tall, — and the rock was grey. Upon its front were characters engraven in the stone; and I walked through the morass of water-lilies, until I came close unto the shore, that I might read the characters upon the stone. But I could not decypher the characters. And I was going back into the morass, when the moon shone with a fuller red, and I turned and looked again upon the rock, and upon the characters — and the characters were DESOLATION. [...]

“Then I grew angry and cursed, with the curse of silence, the river, and the lilies, and the wind, and the forest, and the heaven, and the thunder, and the sighs of the water-lilies. And they became accursed and were still. And the moon ceased to totter in its pathway up the heaven — and the thunder died away — and the lightning did not flash — and the clouds hung motionless — and the waters sunk to their level and remained — and the trees ceased to rock — and the water-lilies sighed no more — and the murmur was heard no longer from among them, nor any shadow of sound throughout the vast illimitable desert. And I looked upon the characters of the rock, and they were changed — and the characters were SILENCE.



1 Etymology: From Greek σιωπή siôpê (silence, a hush; muteness, that is, involuntary stillness, or inability to speak).
2 The full text can be consulted over here

3 Mesmeric Revelation, via Literature and Science in the Nineteenth Century: An Anthology (ed. Laura Otis)

4 Al Aaraaf.

5 Alternative spelling of simoom: a hot, dry, suffocating, dust-laden wind of the desert, particularity of Arabia, Syria, and neighboring countries, generated by the extreme heat of the parched deserts or sandy plains.

[quoth] roberto calasso: die hochzeit von kadmos und harmonia (it1476, p.393)

Der Schleier oder etwas, das bindet, einwickelt, schnürt, ein Band, ein Wickel, eine Binde, ist der letzte Gegenstand, den wir in Griechenland antreffen. Jenseits des Schleiers befindet sich nichts mehr. Der Schleier ist das andere. Er ist die Mitteilung, daß das Bestehende allein nicht standhält, daß es zumindest immer danach verlangt, bedeckt und entdeckt zu werden, zu erscheinen und zu verschwinden. Was man vollzieht—die Einweihung oder die Hochzeit oder das Opfer—, verlangt nach einem Schleier, eben weil das, was sich da vollzieht, das Vollkommene ist, das für das Ganze steht, und das Ganze schließt den Schleier in sich, diesen Überschuß, der den Wohlgeruch der Sache ausmacht.
Undiskutabler Tinnef, diese ganze Antike.[1]
oder
Ein wildes ARNO SCHMIDT erscheint. ARNO SCHMIDT (Wild) setzt BITCHSLAP ein! Es ist sehr effektiv!
1 Arno Schmidt, in: Der Rabe XVI.

[quoth] roberto calasso: die hochzeit von kadmos und harmonia (it1476, p.393 cont'd)

Keine Frau war je so einsam wie Kalypso. Vom Eingang ihrer Grotte blickte sie auf die veilchenfarbenen Wellen und wußte, daß die anderen Götter sie nicht suchten. Hinter sich hörte sie das brodelnde Gurgeln der Tiefe, das in vier Richtungen Wasser an die Oberfläche spie. Sie war eine göttliche Wirtin, doch die Zeit verweigerte ihr die Gäste. Warum lag das Meer um sie herum öde da, und warum stieg von der Erde kein Opferrauch empor? Die Entfernung, die zwischen Kalypso und der Welt lag, maß man nicht nur am riesigen Rücken des Wassers, sondern vor allem nach der Zeit. Wie ihr Vater Atlas, "der die Tiefen des Meeres überall kennt" und über die großen Säulen wacht, die die Erde und den Himmel auseinanderhalten, lebte auch Kalypso an einem kosmischen Angelpunkt: Ogygia war eine Urinsel und mit keiner anderen Insel zu verwechseln, so wie das Wasser des Styx, das jedweden Stoff auflöst und sogar die Olympier in Schrecken versetzt, mit keinem anderen Wasser verwechselt werden kann. Doch niemand kümmerte sich um die beiden. Sie waren aus einem Zeitalter, dem gestürzten Reich des Kronos, übriggeblieben. Nun saßen die Götter auf einem Berg und glänzten im Licht.

Kalypso bedeutet Verhüllerin[1]. Ihre große Leidenschaft war das Verhüllen, etwas in einen Schleier einwickeln, der denen glich, die ihr den Kopf bisweilen einhüllten. Doch sie hatte nichts, was sie verhüllen konnte, außer der unablässigen Vermischung der himmlischen und der irdischen Wasser unter ihrer Grotte, die unter dumpfem Dröhnen stattfand, das sie vom Dröhnen des Meeres vor ihr gut unterscheiden konnte. [...]
Odysseus verbrachte sieben Jahre mit Kalypso; diese Zeit reichte dazu aus, daß viele seiner Untertanen ihn verschollen glaubten. Es waren die Jahre, in denen die Zeit ihn an einen wunderbaren abgeschlossenen Ort zurückgesogen hatte, die ein schwimmendes Grab war. Wenn er auf die Erde blickte, sah er Veilchen und Selleriestauden, mit denen man die Toten umgibt. Richtete er den Blick auf, sah er Erlen, Zypressen, Schwarzpappeln, Weiden: Bäume der Toten. Und alles war von urweltlicher Schönheit, die sogar die Götter sprachlos machte. [...]

Während vieler Tage, am Strand hockend, hatte Odysseus Kalypso vom trojanischen Krieg erzählt. Mit einem Stock zeichnete er die Heerlager und Stellungen in den Sand. Jedesmal veränderte er die Erzählung—oder die Art, wie er erzählte. Kalypso saß neben ihm, still, konzentriert. Dann verwischte eine stärkere Welle die Zeichnungen im Sand. Einmal sagte Kalypso zu ihm: "Sieh nur, dies vollbringt das Meer, und dem Meere willst du dich anvertrauen?" Nach jenem Tag kehrte Odysseus nicht mehr mit ihr an den Strand zurück. Jetzt saß er allein, auf einem Felsblock, der weit ins Meer ragte, und weinte. Bei Sonnenuntergang kehrte er in die Grotte zurück, als wenn sein Arbeitstag vorbei wäre. Und jeden Abend wiederholte sich die gleiche Szene. Von seinem goldenen Sitz streckte Odysseus die Hände nach seiner menschlichen Speise aus. Diese Speise stand neben dem Ambrosia und dem roten Nektar, mit denen Kalypso, die ihm gegenübersaß und ihn betrachtete, sich ernährte. Sieben Jahre lang, jeden Abend, hatte Kalypso gehofft, daß er davon kosten würde. Dann nämlich wäre er unsterblich geworden, alterslos, ein an die Grenzen der Welt verschlagener Halbgott. Doch Odysseus tat dies nie. Dann vereinigten sie ihre Körper auf dem Bett in der Tiefe der Grotte, und in diesen Nächten fühlte Kalypso, daß sie wirklich lebte, weil sie Odysseus zwischen ihrem großen Körper und den Betttüchern verbarg. Sonst war sie von Melancholie und Ungewißheit gequält, als wäre ihr Leben nicht wirklicher als die Namen von Kriegern, die Odysseus ständig wiederholte und die für sie inzwischen zu vertrauten, ungreifbaren Gestalten geworden waren.
Als Kalypso ihm sagte, daß sie ihn ziehen lassen würde, argwöhnte Odysseus, daß diese Worte wieder eine List verbergen könnten, um ihn zu umgarnen, "ein anderes Übel". Sie waren Feinde, die sich mit ihren Waffen bis zum Äußersten bekämpften, schweigend und ohne Zeugen. Von Zärtlichkeit verletzt, nannte Kalypso Odysseus dann alitrós, "Schelm", und "streichelte ihn mit der Hand". Keine andere Frau hätte es gewagt, in Verbindung mit ihm ein so intimes und zugleich richtiges Wort zu gebrauchen.



1 Καλυψώ (Kalypsō); vgl. gr. καλύπτειν (kalýptein) "verhüllen, bedecken"; cf. Apokalypse (gr. ἀποκάλυψις, "Offenbarung, Aufdeckung, Enthüllung", vom griechischen ἀπό (apo, "weg") und κάλυψις "Verhüllung, Verbergen" bzw. καλύπτω (kaluptō, "bedecken")