20120518

[quoth] kurt singer: spiegel, schwert und edelstein

Bis auf den heutigen Tag ist einer der stärksten und spontansten Impulse der Japaner, sich zu verbergen, verhüllt zu bleiben und nicht nur alle Gedanken und Handlungen, sondern die ganze Person in eine wolkenhafte Undurchdringlichkeit zu tauchen. Nicht nur ihre Staatsweisheit lehrt, daß wirksame Herrschaft "hinter dem Vorhang" ausgeübt werden muß und der Machthaber unsichtbar bleiben sollte. Von allen chinesischen Lehren ist seit je den Japanern keine teurer gewesen als Laotses Lob des "gedämpften Glanzes, staubbedeckt" (Wako-dojin). [...] Es ist japanischer Stil, in der Prosa wie in der Dichtung mehr anzudeuten als auszusagen, mehr zu verschweigen als auszudrücken. [...] In jeder Geste des schlichten Alltags, im Stil der Unterhaltung, in der vorgeschriebenen Form, die eine Gabe erst zum Geschenk macht, erscheint es als dringendstes Bedürfnis, die rechte Weise zu finden, wie Dinge, Gedanken, Gefühle einzuhüllen sind. Wo immer der Alltag nicht von diesem ungeschriebenen Gesetz der Gesetze regiert wird, gerät das Verhalten leicht in Gefahr, ins Willkürliche und Unbeholfene, wenn nicht gar ins Unziemliche, Rohe und Abstoßende abzugleiten. Es ist, als ob dieses Volk, nicht zufrieden damit, in einem vielgebirgigen Inselreich zu wohnen, inmitten einer Unzahl von abgeschlossenen Tälern und Buchten, die ein natürliches Gitterwerk bilden und oft genug durch Wolken, Nebel und Regenwände der vollen Sichtbarkeit entzogen werden -- es ist, als ob dieses Volk von Anbeginn versucht hätte, in seiner gesellschaftlichen und kulturellen Lebensform und in seiner Haltung ein gesteigertes Bild seiner natürlichen Umgebung nachzuschaffen. Wohin sie auch gehen und was immer sie tun, die Japaner nehmen ein Gitterwerk von Wänden, Zäunen, Netzen, Nebelwolken mit sich: Dies ist wohl der tiefere Sinn ihres Festhaltens an Zeremonie und Tabu. [...] Haben wir es mit einer natürlichen Reaktion asiatischer Völker auf einer späteren Entwicklungsstufe zu tun, wo unter dem Druck fortlebender, doch nicht mehr alleingültiger Bindungen an das Kollektiv im einzelnen Menschen ein triebhaftes Verlangen nach Einsamkeit, Zurückgezogenheit, Ungreifbarkeit erwachsen ist? Sind vielleicht die Menschen des Ostens [...] der Weisheit der Natur näher, die nach einem Wort des jungen Nietzsche jedes Lebewesen mit einer Schutzhülle von Dunkelheit umgibt, ohne die es nicht wachsen und gedeihen kann? In gleißendem Licht entsteht kein Leben. Diese Lehre haben die fortgeschrittensten Nationen des Westens noch immer zu lernen oder wiederzulernen.

20120408

[quoth] matthew 6:34

μη ουν μεριμνησητε εις την αυριον η γαρ αυριον μεριμνησει εαυτης αρκετον τη ημερα η κακια αυτης
Take therefore no thought for the morrow: for the morrow shall take thought for the things of itself. Sufficient unto the day is the evil thereof.

20120401

[τόπος] Αρχαία Ελλάδα

In quiet admiration for the Greece of yore, which may have been my chosen plane of existence had I not been dumped, involuntarily, into this loud, stinking cesspool of postindustrial technocracy, confronted with the continuous downward spiral it seemed to have inspired in mankind.
Es wird ewig der Ruhm des Alterthums seyn, dass es Viel mit Wenigem that. Die Geschichte des ungleichen Kampfes bei Marathon, und jener unsterblichen Dreihundert, deren Untergang ein Sieg war, wiederholt sich in unzähligen Erscheinungen der alten Welt. Die einfache Organisation ihrer Staaten, die so Grosses ausführten; die anspruchslose Einrichtung ihrer Gedichte, die so mächtig wirken; die stille Ruhe ihrer Kunstwerke, die so laut zur Seele spricht; überall finden wir jene weise Sparsamkeit, die dem grossen Genius der Natur abgelernt scheint, und eben darum das untrüglichste Kennzeichen der Genialität ist.¹
More importantly though, I intend this paean, if you will, to serve as an exposition to a series of postings in which we'll be looking at certain (mostly) imagined, fictional places² (τόποι) that had a profound effect on me because of their concepts, look and/or atmosphere. The foremost purpose of my writing about them is to act as a preservative for my memories, and through reflection, to brush off the dust which at times threatens to obscure their clarity; there's a lot of defocussing pollution in this world, you see.
In a way, it's about exemplifying the notion of psychogeography (my conception of it, anyway, which may deviate from the official understanding of the term), the curious effect that places can have on the human psyche: the serene veneration inspired by the remains of ancient Greek civilization—or the unease brought about by modern industrial complexes. Actually, calling it psychotopography seems somewhat more adequate since we'll be less concerned about geos, but rather fictional spaces, as described in literature and visualized in videogames. They are tales of psychotopography, of spaces which I have fairly clear images of in my mind and which evoke peculiar sentiments. Not entirely due to a general lack of eloquence then, I shan't ever be able to communicate them sufficiently, because they pertain to me, exclusively, as ideas and memories, which are always subjective, even if shared collectively by several people, such is the case with history.



¹  Friedrich Jacobs, Vermischte Schriften Theil 3. p. 528 sq. (via)
² Places that I'm considering: Library of Babel, the Circular Ruins (Borges); the glitch house in Beyond (Animatrix), potentially in juxtaposition with the setting of Murakami's shortstory The Wind-up Bird and Tuesday's Women; the Tower, the mansion in Helston/Heled (Realms of the Haunting); Tower of Latria (Demon's Souls); Atrium (Mirror's Edge); the Art Nouveau city in Labirynt (Lenica); the Gothic, European setting of Angel's Egg; the contemporary Japanese city being infiltrated by the Wired (Serial Experiments Lain)

[τόπος] Αρχαία Ελλάδα, cont'd

[φόβος] björk: homogenic


[Perseus] told how there was a cave lying below the frozen slopes of Atlas, safely hidden in its solid mass. At the entrance to this place the sisters lived, the Graeae, daughters of Phorcys, similar in appearance, sharing only one eye between them. He removed it, cleverly, and stealthily, cunningly substituting his own hand while they were passing it from one to another. Far from there, by hidden tracks, and through rocks bristling with shaggy trees, he reached the place where the Gorgons lived. In the fields and along the paths, here and there, he saw the shapes of men and animals changed from their natures to hard stone by Medusa’s gaze. Nevertheless he had himself looked at the dread form of Medusa reflected in a circular shield of polished bronze that he carried on his left arm. And while a deep sleep held the snakes and herself, he struck her head from her neck. And the swift winged horse Pegasus and his brother the warrior Chrysaor, were born from their mother’s blood.[1]
Es lieg' am frostigen Atlas,  sagt [Perseus], ein Ort, durch Mauern umschanzender Blöcke gesichert; wo, in des Tals Eingang, zwo Schwestern gewohnt, die Phorkiden, beide des einzelnen Augs teilnehmende; dieses, indem sie wechselten, hab' er geheim, durch täuschenden Trug sie belistend, mit vorgreifender Hand sich geraubt. Dann fern durch entlegnes, unwegsames Geklüft, und von Waldungen starrende Felsen, hab' er den Sitz der Gorgonen erreicht, und umher in den Feldern und an den Wegen geschaut der Menschen Gebild', und der Tiere, welche zu Stein aus beseelten der Anblick schuf der Medusa. Aber er selbst, an der Linken mit schrecklichem Schilde gewappnet, hab' in dem spiegelnden Erz die Gestalt der Medusa geschauet; und weil schwer der Schlummer sie selbst und die Schlangen betäubte, hab' er dem Hals entrissen das Haupt; daß, mit Fittichen fliegend, Pegasos, samt dem Bruder, vom Blut der Erzeugerin aufwuchs.[2]


1 Ovid: Metamorphoses, Bk. IV 771-785 (tr. A. S. Kline)
2 Ovid: Verwandlungen, Buch IV 772-786 (tr. J. H. Voß)

[ευφορία] battles: suite from gloss drop (africastle/sweetie & shag/dominican fade/wall street)
feat. apathetic kazu and a human drummachine

20120311

roman lindau: keppra (thenov29films)

20111104

Ich hatte mich leer geweint, so sehr, daß mir der Kopf schmerzte. Das hatte zweifelsohne den Anstieg des Wasserspiegels zur Folge, aber mein Herz schien um mehrere Unzen seiner sonst beträchtlichen Rohmasse erleichtert und ich trieb eine Zeit lang in postnataler Erschöpfung an der Oberfläche. Die Allee an der gegenüberliegenden Uferseite stand nun in voller Blüte. Die Zikaden zirpten laut. Für einen Moment meinte ich, eine vertraute Gestalt von ihrem Sitzplatz unter dem vordersten Apfelbaum hochschnellen zu sehen. Doch ganz plötzlich wandte sich meine Aufmerksamkeit einem unheilvollen Geräusch zu, dessen Quelle einer der zahllosen Strudel des Teichs war. Wieder war ich zu unachtsam gewesen und erneut würde mein Leib in die Tiefe gerissen und ertränkt in schwarzer Galle.

20111009

A rare incident in contemporary television, I just saw an interesting documentary on Juliette Binoche, shown as a sort of addendum to the elevating Chocolat. I have an envious, but great admiration for that fixation on creating, the will to bravely parry and riposte the catastrophe of death/nothingness. I feel like I've been failing miserably in this regard for the past months, having descended into ληθαργία in the age of redundance where everyone wants to be seen and appreciated. I can only hope that brighter days will follow and I regain some courage to write again. Off now to play a bit of Dark Souls, in which I will die frequently, in some way relieving death of its weight.

[quoth] chris cunningham: mental wealth (playstation ad, 1999)

20110804

[diktionær] philophobia

the fear of emotional attachment; fear of being in, or falling in love

20110726

toshio matsumoto:atman (1975)
andy stott:black (2006)

20110721

[redux] ariadne

Entering Hades, with small steps as if in a thunderstorm, bucket of black bile in hand, skimmed during a period of excess melankholia. Afar, the loom of the damnable mirror. When close enough and with averted eyes lest to look inside, she spatters the bucket's content at the mirror, dashes off, and emerges, unseen.

20101221

[quoth] thomas bernhard: ja

Der Schweizer und seine Lebensgefährtin waren gerade bei dem Realitätenvermittler Moritz aufgetreten, als ich diesem zum erstenmal die Symptome meiner Gefühls- und Geisteserkrankung nicht nur anzudeuten und schließlich als eine Wissenschaft klarzumachen versuchte, sondern dem Moritz, dem mir zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich tatsächlich am nächsten stehenden Menschen urplötzlich auf die rücksichtsloseste Weise die nicht nur angekränkelte, sondern schon zur Gänze von Krankheit verunstaltete Innenseite meiner ihm bis dahin ja nur von der ihn nicht weiter irritierenden und also in keiner Weise beunruhigend berührenden Oberfläche her bekannten Existenz nach außen zu stülpen ins moritzsche Haus gekommen war und ihn allein durch die unvermittelte Brutalität meines Experiments erschrecken und entsetzen mußte, dadurch, daß ich an diesem Nachmittag von einem Augenblick auf den anderen vollkommen ab- und aufdeckte, was ich das ganze Jahrzehnt meiner Bekanntschaft und Freundschaft mit dem Moritz vor ihm verborgen, ja schließlich nach und nach die ganze Zeit vor ihm mit mathematischer Spitzfindigkeit verheimlicht und unaufhörlich und unerbittlich gegen mich selbst vor ihm zugedeckt hatte, um ihm, dem Moritz, nicht den kleinsten Einblick in meine Existenz zu verschaffen, war er zutiefst entsetzt gewesen, aber ich hatte mich durch dieses sein Entsetzen in meinem an diesem Nachmittag nun einmal vehement und naturgemäß auch wetterbedingt in Gang gekommenen Enthüllungsmechanismus nicht im geringsten behindern lassen, nach und nach hatte ich an diesem Nachmittag, als ob ich überhaupt keine andere Wahl gehabt hätte, vor dem von mir an diesem Nachmittag völlig überraschend aus meinem Geisteshinterhalt überfallenen Moritz, alles mich Betreffende abgedeckt, alles abgedeckt was abzudecken gewesen war, alles aufgedeckt, was aufzudecken gewesen war; während des ganzen Vorfalls hatte ich, wie immer, auf dem den beiden Fenstern gegenüberliegenden Eckplatz neben der Eingangstür in das moritzsche Bürozimmer, in dem von mir so genannten Leitzordnerzimmer, Platz genommen gehabt, während der Moritz selbst, es war ja schon Ende Oktober, mir in seinem mausgrauen Winterüberzieher gegenübergesessen war, möglicherweise zu diesem Zeitpunkt schon in betrunkenem Zustande, genau habe ich das in der bereits eingetretenen Finsternis gar nicht feststellen können; ich hatte ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen, es war, als hätte ich mich an diesem Nachmittag, nachdem ich wochenlang nicht mehr im moritzschen Hause und überhaupt wochenlang nurmehr noch mit mir allein und das heißt, auf meinen eigenen Kopf und auf meinen eigenen Körper angewiesen eine viel längere, als noch nicht nervenzerstörende Zeit in der höchsten Konzentration alles betreffend gewesen war, zu allem, was mir Rettung bedeutet hatte, entschlossen, endlich aus meinem feuchten und kalten und finsteren Hause heraus durch den dichten und dumpfen Wald auf den Moritz wie auf ein lebensrettendes Opfer gestürzt, um ihn, das hatte ich mir auf dem Weg zum moritzschen Hause vorgenommen gehabt, solange mit meinen Enthüllungen und also tatsächlich unstatthaften Verletzungen nicht mehr auszulassen, bis ich einen erträglichen Grad von Erleichterung erreicht und also soviel von meiner jahrelang vor ihm zugedeckten Existenz ab- und aufgedeckt habe, als nur möglich.

20101018

[versuch] aiding theseus

too much noise; empty batteries, retry postponed; deficient 'shopping antics; in low spirits

20100905

[quoth] samuel beckett: worstward ho

On. Say on. Be said on. Somehow on. Till nohow on. Said nohow on. Say for said. Missaid. From now say for be missaid.
Say a body. Where none. No mind. Where none. That at least. A place. Where none. For the body. To be in. Move in. Out of. Back into. No. No out. No back. Only in. Stay in. On in. Still.
All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.
First the body. No. First the place. No. First both. Now either. Now the other. Sick of the either try the other. Sick of it back sick of the either. So on. Somehow on. Till sick of both. Throw up and go. Where neither. Till sick of there. Throw up and back. The body again. Where none. The place again. Where none. Try again. Fail again. Better again. Or better worse. Fail worse again. Still worse again. Till sick for good. Throw up for good. Go for good. Where neither for good. Good and all.
It stands. What? Yes. Say it stands. Had to up in the end and stand. Say bones. No bones but say bones. Say ground. No ground but say ground. So as to say pain. No mind and pain? Say yes that the bones may pain till no choice but stand. Somehow up and stand. Or better worse remains. Say remains of mind where none to permit of pain. Pain of bones till no choice but up and stand. Somehow up. Somestand stand. Remains of mind where none for the sake of pain. Here of bones. Other examples if needs must. Of pain. Relief from. Change of.
All of old. Nothing else ever. But never so failed. Worse failed. With care never worse failed.